Mission Cyrus One

So kann’s gehen … Dieser ‚Mission Cyrus One‘ ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was es werden sollte. Ich war auf der Suche nach einem gebrauchten Verstärker aus den späten 70ern, dem ‚goldenen’ HiFi Zeitalter, als sich die Anbieter mit megalomanischen, halbzentner schweren, überdimensionierten Testosteron Boliden überboten. Es brauchte eben viel Platz um all die Anzeigen, Skalen, Leuchten, Schalter und Anschlüsse unterzubringen. Bei Receivern ist ein Radio mit eingebaut, eigentlich verlockend, aber bei mir ist der Empfang über Antenne störanfällig und die UKW Abschaltung schon lange angekündigt. Schließt man einen externen Netzwerk Streamer an (aux, rec in) kann man aber jeden Verstärker ins 21. Jahrhundert befördern. Außerdem haben alle einen Phono Eingang. Bei aktuellen Modellen fehlt der häufig und man muss zwingend einen Phono-Verstärker besorgen  wenn man einen Plattenspieler anschließen möchte.

Spätere Modelle sind besser ausgestattet, mit Kopfhöreranschluss und Fernbedienung

Der ‚Mission Cyrus One‘, entworfen und gefertigt in England, der 1984 auf den Markt kam, hat eine Lautstärkeregelung und die nötigsten Anschlüsse – das war‘s. Der einzige Luxus ist ein umschaltbarer Phono Eingang für MM oder MC. Das schlachtschiffgraue Gehäuse erinnert an Tarnfarbe, dazu passt das einsame, winzige rote Anzeigelämpchen am Einschalt-Kipp-Schalter. Mit einer Breite von 20 cm ist er zudem schmal wie ein Schuhkarton und gibt dieser Klasse von Verstärkern ihren Namen: Shoebox Amp.

Dieser ist es nach wochenlanger Recherche schlussendlich geworden.

Woher dieser Sinneswandel? Gute Frage. Die Monsterverstärker, die auf den Fotos so wunderbar patent wirkten, fand ich in Natura zu klobig, aufgetakelt, irgendwie billig. Der Cyrus, der eines Tages in der Auslage bei WIEMER, einer alteingesessenen Elekto-Werkstatt hier im Kiez steht, buhlt in seinem Werkzeugkastenlook um keinerlei Aufmerksamkeit, er muss also andere Qualitäten haben. Die Drehknöpfe aus Plastik, der nicht sehr vertrauen erweckende Einschalter und die empfindliche Lackierung  gehören nicht dazu. Tatsächlich bot (und bietet) er audiophilen Klang zu einem (damals schon) günstigen Preis.

Wäre der Cyrus eine Band, dann wahrscheinlich Joy Division

Ich würde jetzt gerne sagen, dass er zudem ungemein robust und unverwüstlich ist, das wäre allerdings gelogen. Denn eigentlich ist er ein empfindliches Seelchen und ziemlich störanfällig – nach drei Wochen brannte die Sicherung durch. Danach wurde er revidiert, das bedeutet gereinigt, eingestellt und ein gutes Dutzend Elkos wurden durch neue ersetzt. Sehr komplexe Geräte haben Hunderte davon. Elektrolytkondensatoren altern schnellere, wenn sie NICHT benutzt werde. Ein Gerät das lange auf dem Dachboden steht (und deswegen oft 1A  aussieht), gibt seinen Geist also eher auf, als eines das ständig in Benutzung ist (in Anzeigen darauf achten und beim Stichwort „revidiert“ die ausgetauschten Elkos als Beweis mitgeben lassen). Diese Kur war ein echter Gamechanger. Klang der Cyrus vorher solide, hat er jetzt zusätzlich jede Menge Soul. Auch wenn die Revision u.U. teurer als das Gerät ist, ich kann jedem, der einen hochwertigen alten Verstärker besitzt, nur raten, diesen revidieren zu lassen, der klangliche Zugewinn ist enorm und die Haltbarkeit deutlich verlängert. #optimistisch 😉

Die Preise für bestimmte alte Verstärker haben in den letzten Jahren stark angezogen und will man moderne Features (Fernbedienung, Digitales Radio, Streamer, Bluetooth ect.), muss man zusätzlich Geräte besorgen. Das alles läppert sich zusammen und am Ende bekommt man für den gleichen Preis sicher gleichwertige Neuware. Aber niemand hat damit gerechnet, es würde sich rechnen …

Cyrus Audio produziert übrigens seit 2016 einen neuen, voll ausgestattetes Verstärker unter dem Namen ‚Cyrus One‘. Hier ein interessanter Vergleich des alten und neuen Modells. (Genau genommen mit dem damals etwas teureren ‚Cyrus Two‘, der aber einen ähnlichen Charakter wie meiner hat). 

Wer sich ein bisschen einlesen mag findet hier jede Menge Infos. www.hifimuseum.de

Hersteller: Mission, Huntingdon, Cambridgeshire
Modell: Cyrus I
Baujahr: 1984
Eingänge: 5 = Tape in, Video, CD, Aux, Phono MC/MM
Ausgänge: 2 = Tape out, 1 Paar Lautsprecher, (kein Kopfhöreranschluss!)
Regelung: Lautstärke, Balance
Dauerleistung:
8 Ohm: 25 Watt/Kanal
4 Ohm: 40 Watt/Kanal